Wann ist ein Kalb kein Kalb mehr: Wie lange sollte Milch gefüttert werden?

Auf die Frage hat die Natur eine klare Antwort parat: Solange die Kuh das Kalb saugen lässt. Bei meinen Schottischen Hochlandrindern sind 8 und 10 Monate Saugzeit tatsächlich keine Seltenheit. In der Milchvieh-Kälberaufzucht dagegen kann das Absetzen nicht schnell genug gehen und über mehrere Jahrzehnte war eine 7-8 Wochen lange Tränkephase der Standard schlechthin. Mehr erfahrt ihr hier …

Auf die Frage hat die Natur eine klare Antwort parat: Solange die Kuh das Kalb saugen lässt. Bei meinen Schottischen Hochlandrindern sind 8 und 10 Monate Saugzeit tatsächlich keine Seltenheit. In der Milchvieh-Kälberaufzucht dagegen kann das Absetzen nicht schnell genug gehen und über mehrere Jahrzehnte war eine 7-8 Wochen lange Tränkephase der Standard schlechthin. Mehr erfahrt ihr hier …

Gepostet von in Kälberaufzucht am 30. November 2020
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Wann ist ein Kalb kein Kalb mehr: Wie lange sollte Milch gefüttert werden?

Auf die Frage hat die Natur eine klare Antwort parat: Solange die Kuh das Kalb saugen lässt. Bei meinen Schottischen Hochlandrindern sind 8 und 10 Monate Saugzeit tatsächlich keine Seltenheit. In der Milchvieh-Kälberaufzucht dagegen kann das Absetzen nicht schnell genug gehen und über mehrere Jahrzehnte war eine 7-8 Wochen lange Tränkephase der Standard schlechthin.

Man weiss aber schon seit Ende der 60er Jahre, dass die Vormägen erst mit 14-16 Wochen annähernd ausgereift sind und sich die gleichen relativen Grössenverhältnisse wie beim erwachsenen Rind einstellen. Dass heisst de facto, dass erst dann das Kalb zum echten Widerkäuer herangewachsen ist und nun gänzlich ohne Milch auskommen könnte. Das heisst im Umkehrschluss aber auch ganz klar, dass wir lange Zeit wider besseres Wissen gegen eine von der Natur vorgegebene physiologische Entwicklung des Verdauungstraktes gearbeitet haben. Zwar ist es uns gelungen, mit restriktiver Fütterung und schnellem Frühentwöhnen – und dadurch bedingter vermehrter Festfutteraufnahme – die Ausreifung der Pansenzotten zu beschleunigen, aber das scheint in vielen Fällen auf Kosten der Gesundheit und Langlebigkeit zu gehen.

Warum ist das so kritisch?
Der jugendliche Pansen und Darmtrakt sind für die Aufnahme von grossen Mengen von flüchtigen Fettsäuren noch nicht komplett vorbereitet. Dadurch können Kälber wochenlang einen sehr sauren Pansen bis hin zu Dickdarmazidosen entwickeln, die einen dauerhaften, sogenannten „pro-inflammatorischen” Zustand im ganzen Körper verursachen. Diese Situation ist in etwa vergleichbar wie beim menschlichen Diabetes. Es lassen sich vermehrt Entzündungsmarker im Blut nachweisen und die Tiere sind krankheitsanfälliger. Das mag auch ein Grund mit sein, warum weltweit in der Milchviehhaltung immer noch gut ein Drittel aller Kälber krank werden und medikamentös behandelt werden müssen.

Füttert man dagegen wie „Mutter” Natur es vorgesehen hat (analog der ad libitum Fütterung), dann werden Kälber kaum noch krank. Neulich zeigte so z.B. eine US-amerikanische Studie, dass bei einer Erhöhung der täglichen Tränkemenge um knapp einen halben Liter in den ersten 3 Wochen von 4 auf 4,5 Liter (!!) pro Tag die Anfälligkeit für Lungenentzündung um 92% (!!) sank!1

Eine weitere Arbeit aus den USA von der Cornell Universität hat zudem nachgewiesen, dass bei einer intensiven Tränke das Risiko für eine Kryptosporidieninfektion im Grunde sogar zu vernachlässigen ist.2

Kurzum, die Natur scheint das wohl gar nicht so schlecht geplant zu haben, oder? Probiert es mal aus! Lasst ein Kalb ein Kalb sein und setzt es erst sanft ab 10 bis 15 Wochen ab. Der Erfolg wird euch am Ende mehr als Recht geben! Ihr werdet noch nie so tolle eigene Kälber gesehen haben!

Mich würde zudem interessieren, wie ihr zur restriktiven bzw. der intensiven Fütterung steht! Was haltet ihr selbst für euren Favorit? Schreibt mir eure Kommentare auf Kälberblogger.de. Ich freue mich drauf!

Bis bald,
euer Peter Zieger

Referenzen
1 Aly SS and BM Karle, Components of a risk assessment tool for prevention and control of bovine respiratory disease in preweaned dairy calves. Animal Health Research Reviews (in press)

Ollivett TL, Nydam DV, Linden TC, Bowman DD, Van Amburgh MA. Effect of nutritional plane on health and performance in dairy calves after experimental infection with Cryptosporidium parvum.  J Am Vet Med Assoc. 2012, 241(11):1514-1520

    • Florian Hellwig
    • 5. Dezember 2020
    Antworten

    Hallo Peter Zieger,
    wir favorisieren ganz klar die intensive Fütterung, und dass schon seit vielen Jahren, entgegen der Futterberatung. Unsere Kälber erhalten ab dem 7 Tag Milchaustauscher mit über 55 % MMP. Das ganze bis zu 14 Wochen ( ab 10 Wochen langsam runterfahren die Menge) Unsere Färsenleistung liegt bei 10700 kg und die Herdenleistung bei 12400 kg. Hauptgrund für die intensive Fütterung war vor vielen Jahren der Absetzknick . Danke für deine tollen Videos. In einen Kälberstall investieren liegt bei uns auch noch an. Daher sehr gute Ansätze, Danke.

    • Peter Zieger
    • 7. Dezember 2020
    Antworten

    Lieber Florian Hellwig,
    ganz herzlichen Dank fuer den schoenen Kommentar, hat mich sehr gefreut! Gerade um diesen beruechtigten Absetzknick geht es mir auch insbesondere. Wenn ich den vermeiden kann, bring ich die Kaelber auf einen tollen Weg mit Aussicht auf ein sehr langes, sorgenfreies Kuhleben! schoene Gruesse Peter Zieger

    • Jürgen Plesse
    • 23. Dezember 2020
    Antworten

    Vor allem bei weiblicher Nachzucht sind die langfristigen Auswirkungen von großer Bedeutung. Ideal ist eine möglichst gleichmäßige Entwicklung bis zur ersten Besamung. Wachstumseinbrüche beim Absetzen können vieles von dem zunichte machen, was man in der Tränkeperiode aufgebaut hat.
    In Versuchen hat sich gezeigt, dass Kälber die ab der 6. Woche in die Abtränkphase kommen (70-Tage-Tränkeplan) in der 7.-9. Woche eine Energielücke von ca. 7 MJ ME aufweisen. Diese Energie entspricht in etwa der von 3 l Vollmilch. Sie fehlt für Thermoregulation, Immunreaktion und Wachstum.
    Die Kälber sind zu diesem Zeitpunkt nicht in der Lage diesen Mangel aus vorgelegtem bzw. gefressenem Festfutter zu kompensieren. Erst ab ca. 14-16 Wochen erfolgt die entsprechend notwendige Umsetzung der Nährstoffe aus dem Festfutter. Die individuellen Unterschiede sind sehr groß. Nicht wenige Kälber benötigen eine noch längere Zeit zur Ausbildung der Vormägen bis zur notwendigen funktionalen Reife.

    Versuche den Prozess durch Milchentzug zu beschleunigen sind kontraproduktiv und treiben die Tiere regelrecht in die Azidose. Schlechtere Fruchtbarkeit, Neigung zur Verfettung am Laktationsende und höhere Anfälligkeit für Erkrankungen sind die Folge.

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