Gestresste Kühe – gestresste Kälber ein Leben lang?

Was in der Humanmedizin längst bewiesen ist, gelingt nun auch Forschern im Rinderbereich. Sie konnten zeigen, dass sich jeglicher Stress der trockenstehenden Kuh direkt auf das noch ungeborene Kalb auswirkt. Was ja offensichtlich nachvollziehbar ist, denn der Fetus kann sich durch den gemeinsamen Blutkreislauf nicht den schädlichen Auswirkungen entziehen.

Was in der Humanmedizin längst bewiesen ist, gelingt nun auch Forschern im Rinderbereich. Sie konnten zeigen, dass sich jeglicher Stress der trockenstehenden Kuh direkt auf das noch ungeborene Kalb auswirkt. Was ja offensichtlich nachvollziehbar ist, denn der Fetus kann sich durch den gemeinsamen Blutkreislauf nicht den schädlichen Auswirkungen entziehen.

Gepostet von in Kälberaufzucht, Kälbergesundheit am 11. Mai 2026
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Gestresste Kühe – gestresste Kälber ein Leben lang?

Was in der Humanmedizin längst bewiesen ist, gelingt nun auch Forschern im Rinderbereich. Sie konnten zeigen, dass sich jeglicher Stress der trockenstehenden Kuh direkt auf das noch ungeborene Kalb auswirkt.

Was ja offensichtlich nachvollziehbar ist, denn der Fetus kann sich durch den gemeinsamen Blutkreislauf nicht den schädlichen Auswirkungen entziehen. Zwar ist die Plazentaschranke für sehr große Moleküle wie vor allen Dingen, den Antikörpern, nicht passierbar (deshalb ist die unmittelbare Aufnahme von Kolostrum nach der Geburt ja so überlebenswichtig!), aber alle sonstigen Blutbestandteile wandern unbeeinträchtigt auch in den Fetus über.

Chinesische Wissenschaftler untersuchten nun, inwieweit eine negative Energiebilanz (erhöhte Ketonkörperwerte im Blut) in der Close-up-Phase 3 Wochen vor der Abkalbung, die Entwicklung des noch ungeborenen Fetus in den ersten 4 Lebenswochen beeinträchtigen kann.

Das Ergebnis verblüffte Wissenschaftler und die ganze Fachwelt: Wenn die Kühe nur leicht erhöhte Ketonkörperwerte (Beta-Hydroxy-Buttersäure) von 0,6 mmol/l im Blut haben, dann erhöht sich die Krankheitsanfälligkeit der Kälber in den ersten vier Wochen um 70-100 %. Neben den Blutketonkörperwerten wurden auch Stresshormone in den Kälbern direkt nach der Geburt gemessen. Von drei ausgewählten Parametern (u.a. HSP 70, Hitze-Stress-Protein 70) waren alle drei signifikant erhöht. Die sichtbaren Folgen: Hatte der Betrieb sonst nur 15% Durchfall in den ersten 4 Wochen, erhöhte sich die Rate auf über 30%! Die Rate an Lungenentzündungen ging um 70% nach oben (Gai et al., 2024).

Diese Beobachtung könnte nun erklären, warum wir bei Abkalbespitzen, also mehr Abkalbungen innerhalb einer gegebenen Zeit, auch mehr Probleme bei den Kälbern beobachten. Bisher haben wir Tierärzte uns das mit einem erhöhten Infektionsdruck erklärt. Das ist nicht ganz falsch, aber diese neuen Untersuchungen zeigen nun, dass die Schwächung der Immunabwehr des Kalbes bereits in der Gebärmutter stattfindet und auch fast unabhängig von der Biestmilchversorgung auftritt und verläuft.

Eine ganz aktuelle Studie, ebenfalls aus China, die sich gerade im Druck befindet, geht sogar noch einen Schritt weiter: Auch sie untersuchten die Energieversorgung von 48 Kühen in den letzten 3 Wochen vor der Kalbung; 24 Kühe hatten erhöhte Ketonkörperwerte im Blut (>0,6 mmol/l) und deren Kälber zeigten von 6 ausgewählten Stresshormonen im Blut fünf hochsignifikant erhöhte Werte. Mehr noch: Die Pansenwand der „gestressten“ Kälber war stark entzündet, die Pansenzotten rund 40% kürzer und das braune Fettgewebe wies bereits eine ausgeprägte Insulinresistenz auf. Diese Stoffwechselentgleisung macht diese Kälber später auch als Kühe deutlich empfindlicher gegenüber Ketosen und lässt sie schneller und leichter erkranken (Zheng et al., 2026 in press).

Die neuen Untersuchungen verdeutlichen, dass Close-up‑ und Vorbereiterkühe empfindlicher auf Stress reagieren als bisher angenommen – und wir unser Management entsprechend feinjustieren sollten.

Abbildung 1: Markushof in Losheim am See mit je mind. 25qm Platz für die Kühe

Rund die Hälfte der Kühe entwickelt eine leichte negative Energiebilanz und bringt eine Generation von Kälbern auf die Welt, die höchstwahrscheinlich während des gesamten produktiven Lebens als Kuh weniger stoffwechselstabil sein werden.

Für das Transitmanagement bedeutet das, dass wir den Fokus deutlich stärker auf die Vorbereiterphase legen und den Kühen noch mehr Komfort bieten müssen als bisher angenommen. Während bisher etwa 10 m² Fläche pro Kuh als ausreichend galten, entwickelt sich der aktuelle Trend klar in Richtung 12–15 m² je Tier sowie immer zwei Tränken pro Bucht. Auch die Fressplatzbreite sollte mindestens 85 cm betragen – besser sind 1 m oder mehr. Die Ventilatoren zur Hitzestressvermeidung sind keine Option, sondern nahezu Pflicht.

Gelingt uns dieser Schritt, profitieren nicht nur die Kühe: Auch die Kälbergesundheit lässt sich dadurch langfristig deutlich verbessern – in Studien teils um bis zu 50 %, allein durch besseren Komfort und weniger Stress der Mütter.

In diesem Sinne, lasst uns mehr auf die Feinheiten schauen,

Herzlichst, Euer Kälberblogger

Peter Zieger

 

Studienquellen

Gai et al., 2024

Zheng et al., 2026 in press

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