Deutschland ist ein Land, auf welches der Rest der Welt mit Respekt und Hochachtung geblickt hat. Made in Germany war der Inbegriff für Tugenden wie preussische Genauigkeit, Strebsamkeit, Erfindungsreichtum und Technologieführerschaft. Leider gehört das scheinbar nun alles der Vergangenheit an. Mir liegt es fern den Berufspessimisten zu spielen, aber ich finde es schon erschreckend, wieviel auf breiter Front bei uns nicht mehr so gut funktioniert wie vor gar nicht allzulanger Zeit.
Kälber sind Herdentiere – Das Kälber-Kita-Konzept
Vor ein paar Jahren waren es nur ganz wenige, die sich wagten, Kälber schon nach 3-4 Tagen in eine Gruppe zu bringen und dort aufzuziehen. Mittlerweile machen dies aber bereits schon recht viele Landwirte und kaum jemand möchte wieder zurück. Was vor noch geraumer Zeit undenkbar war und gerade auch wir Tierärzte als Ding der Unmöglichkeit angesehen haben, setzt sich immer mehr durch. Mehr als nur ein Trend!
Aus meiner Sicht eine längst überfällige Umsetzung der uralten Erkenntnis, dass Kälber nun mal Herdentiere sind und sich nur dann wirklich wohlfühlen, wenn sie nicht alleine auf sich gestellt sind. Was mit ersten Studien vor rund 20 Jahren an der Universität in Vancouver mit paarweiser Kälberhaltung begann, hat unser Umdenken maßgeblich beeinflusst. Die Wissenschaftler um Prof. Nina von Keyserlink und Prof. Dan Weary hatten festgestellt, dass ein Kalb ein anderes als vollwertigen Ersatz der Mutterkuh und auch einer ganzen Herde ansieht. Das markierte damals die Idee und Geburtsstunde der paarweisen Aufzucht, die ganz viele Landwirte bei uns schon seit einigen Jahren betreiben. Diese Erkenntnis und überwiegend positive Erfahrungen der Landwirte mögen auch dazu geführt haben, den nächsten Schritt gehen zu wollen: die Kleingruppe – die sogenannte „Kälberkita“. Dort treffen mehr als 2 etwa gleichaltrige Kälber (Altersunterschied 1-2 Wochen im Idealfall) aufeinander und lernen noch intensiver das Herdenverhalten kennen. Voraussetzung dafür aber auch, dass die Kälber ein gutes Biestmilchmanagement genossen haben, denn der Infektionsdruck dürfte allgemein schon etwas höher sein als in der traditionellen Einzelhaltung. Aber die Vorteile der gemeinsamen Interaktionen, deutlich geringere Stresslevel im Blut der Kälber, höhere Aktivitätswerte und dadurch auch mehr Appetit und höhere Tageszunahmen favorisieren diesen Trend eindeutig. Man muss den Kälbern allerdings auch mehr Platz einräumen (idealerweise mehr als 4,5 m2), um auch mehr Bewegung realisieren zu können. Das Ergebnis: Mehr und deutlich sichtbares Muskelwachstum, dem Organsystem, dem die Wissenschaft bislang erstaunlich wenig Studien zur Bedeutung und Beteiligung zu einer aktiven Immunabwehr bei Kälbern beigemessen hat. Bei uns Menschen weiß man allerdings, dass sportliche Aktivität uns deutlich widerstandsfähiger macht – Warum sollte es bei den Kälbern anders sein?
Abbildung 1: Kleingruppenprinzip auf dem Betrieb Kaiser
Ein Betrieb, der das „Kälber-Kita-Konzept“ sehr erfolgreich umgesetzt hat, ist Markus Kaiser aus Oberstühlingen im Hochschwarzwald. Er hält 130 Kühe, melkt an 3 AMS und hat eindrucksvoll seinen alten Schweinemaststall in einen sehr gut funktionierenden Kälberstall umgebaut. Die Be- und Entlüftung erfolgt über Rieseldecken und Absaugschächte im Futtergang nach dem Gleichdrucksystem. Im Stall hat er 6 Kleingruppenabteile mit automatischer Tränke eingerichtet und für die nur 4 Tage dauernde Einzelhaltung während der Biest- und Transitmilchphase benötigte er nur maximal 5 Einzelboxen. Die Kälber starten in der Gruppe sofort durch: Am ersten Tag muss man sie noch 2 x ansetzen an der Station, dann haben es 80 – 90 % der Kälber bereits am zweiten Tag verstanden und gehen selbständig zum Saufen. Das Ergebnis ist mehr als beeindruckend: In der ersten Woche konsumieren sie im Schnitt mehr als 8 Liter und in den folgenden Wochen sind 16 – 20 Liter keine Ausnahme. So kommen die Kälber auf Tageszunahmen von im Schnitt 1.250 g und der automatische Kälbertränkeautomat ermöglicht ein permanentes Monitoring der Kälberentwicklung. So entdeckt Markus Kaiser auch Kälber mit einem leicht entzündeten Nabel schon nach 3 – 4 Tagen während bundesweit mehr als 20 % der Kälber bei uns über Wochen hinweg diese Infektion mit sich herumtragen, deutlich weniger Appetit haben und nicht erkannt werden. Apropos Appetit: Gefüttert wird eine 50 % Vollmilch – 50 % Milchaustauscher-Mischung. Die Milch kommt dabei über eine direkte Leitung aus dem AMS und wird in einem SmartTank neben dem Automaten bis zum Abruf gekühlt. Der Landwirt spart so nach eigenen Angaben mehr als 80 % der sonst üblichen Zeit, die er für die Fütterung sonst veranschlagen musste. Und die Kälber sind signifikant gesünder als vorher in der Igluhaltung und höchstwahrscheinlich auch langlebiger. Eine schöne Win-Win-Situation. Ich bin jedenfalls mehr als überzeugt davon, dass wir hier an einer echten „Zeitenwende“ in der Kälberaufzucht stehen, vergleichbar wie damals bei der Einführung des Laufstalls für Kühe.
Probiert es ruhig mal aus, ihr werdet die vielfältigen Vorteile sehr schnell erkennen!
In diesem Sinne, wünsche ich Euch viele gesunde Kälber,
Euer Kälberblogger
